URSULA RÖSSNER

Kunst & Abfall

Ursula Rössner - "Zen-Stilleben" - 1998

Pastell, 64 x 50 cm

 

Ein Essay über die Malerei

Begleittext zur Ausstellung

Burg Abenberg, 13. Okt. -1. Nov. 1998

Prolog

Ballade von der Lichtmalerei

Leg etwas in das Licht und schau,
was das Licht mit dem Etwas macht,
dann hast du den Tag über gut zu tun
und manchmal auch die Nacht:
Sobald du den Wandel nicht nur beschaust,
sondern trachtest, ihn festzuhalten,
reihst du dich ein in den Fackelzug
von Schatten und Lichtgestalten.
Die Fackel, sie geht von Hand zu Hand,
von van Eyck zu de Hooch und Vermeer.
Sie leuchtete Kersting und Eckersberg heim
und wurde auch Hopper zu schwer.
Denn die Fackel hält jeder nur kurze Zeit,
dann flackert sein Lebenslicht.
Doch senkt sich um ihn auch Dunkelheit,
die Fackel erlischt so rasch nicht.
Sie leuchtet, solange jemand was nimmt,
es ins Licht legt und es besieht,
und solange ein Mensch zu fixieren sucht,
was im Licht mit den Dingen geschieht.

Robert Gernhardt

 Als mir - im letzten Jahr - dieses Gedicht von Robert Gernhardt begegnete, war ich auf eine wunderbare Weise berührt. Man trifft ja nicht oft auf Verwandte im Geist am Ende dieses 20. Jahrhunderts, in dem Kunst nicht mehr von Können kommt und die Malerei tot ist.

Fluxusbewegung, das Informel, Actionpainting, Installationen und Aktionen bestimmten die großen offiziellen Kunstereignisse der letzten Jahrzehnte, in den trendsettenden Galerien sieht man Minimal-Art, Abstraktes, Konstruktives, Klassisch-Modern-Expressives oder Neu-Wildes, und eine aufwendig durchgearbeitete gegenständliche Malerei wird höchstens noch am Rande in Form von Surrealismus oder Fotorealismus in die modernen Museen aufgenommen.

Was ist passiert in und mit der Bildenden Kunst? - Was hat das alles noch mit der Tradition der Alten Meister zu tun? - Hat es überhaupt noch etwas damit zu tun? Und: Wird es noch eine Malerei im 21. Jahrhundert geben?

Die folgenden Gedanken stellen sich ganz bewußt gegen den Strom, gegen den Zeitgeist, gegen die herrschenden Moden. Wenn sie damit für viele provozierend klingen, nehme ich das gerne in Kauf.

Was, wenn die Wahrheit so einfach wäre wie die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern? Kinder und Narren - das "normale", das "einfache"Publikum - sagen die Wahrheit: "Der Kaiser ist ja nackt. Er trägt gar keine Kleider!" Doch der kunstbeflissene Kulturmensch, der professionelle Vernissagenbesucher, die Kulturschickeria möchten sich natürlich keine Blöße geben.

Immerhin schreiben Museumsdirektoren, Kunstwissenschaftler und promovierte Feuilletonredakteure seitenlange philosophische Abhandlungen - z.B. über ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. (All diese Fachleute und Autoritäten können doch nicht irren - also müssen da wohl ungeheuer vielschichtige Bedeutungsebenen verborgen sein.)

Was malte Malewitsch, als er ein schwarzes Quadrat auf weißen Grund setzte? Ich denke: Nicht weniger - aber auch nicht mehr - als: Ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund!

Den interessierten Betrachter verweise ich an dieser Stelle auf Ephraim Kishon, der vor kurzem in seinen beiden Büchern "Picasso war kein Scharlatan" und "Picassos süße Rache" dieses Thema mit bekannt spitzer Feder aufgegriffen hat. Für seinen Mut wurde er in zahlreichen der bekanntesten Kulturfeuilletons (insbesondere der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten) mit massiven Angriffen überhäuft, die darin gipfelten, daß er mit den Bücherverbrennern des 3. Reiches gleichgesetzt wurde. Obwohl Kishon sich in verschiedenen Interviews tapfer seiner Haut wehrte ("Hitler war Nichtraucher. Ich bin Nichtraucher. Bin ich deswegen Faschist?") habe ich das Gefühl, er ist im Hinblick auf das Thema "Zeitgenössische Bildende Kunst" zur Zeit resigniert verstummt. Zu geschlossen sind die Reihen der Kulturmafia (Galeristen, Kunsthändler, Museumsdirektoren, profitierende Künstler und Kunstprofessoren, Sammler, Sponsoren und nicht zuletzt die sonst brotlose Zunft der interpretierenden Kunstkritik) - und sie verteidigen das blanke Nichts, das sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgetürmt haben, bis aufs Messer. Kein Wunder! - Ließe ein gut geführter Streich die heiße Luft entweichen, käme der Krach der Kunstbörse für alle Beteiligten dem "Black Friday" an der Wall Street gleich.

Ein gefährliches Terrain also, auf dem ich mich bewege, ich weiß. Aber gerade deswegen finde ich es wichtig, unverdrossen die Rolle des Narren zu übernehmen, der auf den Kaiser zeigt und sagt: "Der Kaiser ist ja nackt!"

Die Wahrheit ist:

  • Fast alles, was heute auf dem Gebiet der Bildenden Kunst ausgestellt, preisgekrönt, gehandelt und verkauft wird, war in den Großen Jahrhunderten der Zeichnung und Malerei bestenfalls: Vorstudie, Skizze, Beiwerk - Nebengedanke, Teilaspekt, Detail - oder auch ganz einfach: Abfallprodukt des Arbeitsprozesses.
  • Die folgende Exkursion mit dem Titel „Kunst & Abfall" will dies auf einfache und anschauliche Weise verdeutlichen.

    Ursula Rössner -"Apfelzweig" 1997, Pastell, 17 x 20 cm

     

    Der Abfallcharakter der Modernen Kunst
    oder: Kunst als Abfall - Abfall als Kunst

    Damit der Abfall als Abfall erkannt werden kann, muß erst einmal Kunst geschaffen werden, von der der Abfall abfallen kann.

    Die deutsche Sprache erlaubt eine Spielerei mit der mehrfachen Bedeutung der Worte "Abfall" und "abfallen", die - in der oben formulierten Weise auf die Bildende Kunst angewendet - interessante und aufschlußreiche Entsprechungen auf der Sinnebene zuläßt.

    Versuchen wir es mit der umgekehrten Aussage: Der Abfall (in der zeitgenössischen Kunst) kann nicht mehr als Abfall erkannt (und entlarvt) werden, weil es keine große, meisterliche Kunst mehr gibt als Maßstab, im Vergleich zu der der Abfall abfällt.

    Auch das macht - wörtlich genommen - Sinn. Es gibt einen einfachen Weg, um den Abfallcharakter der zeitgenössischen Kunst anschaulich zu demonstrieren.

    Ich will Sie einladen zu einer vergnüglichen Spielerei. Fast ein Jahr lang habe ich alles gesammelt, was beim Vorbereiten und Malen meiner Pastellbilder so "abfällt". Wir wollen sehen, was man damit machen kann.

    Aus der Fülle der Möglichkeiten habe ich zwölf ausgewählt, die schon ein ziemlich breites Spektrum dessen abdecken, was die zeitgenössische Bildende Kunst anbietet:

    1. Materialbilder
    2. Collagen
    3. Materialcollagen
    4. Objekte
    5. Objektkästen
    6. Installation
    7. Minimal-Art
    8. Abstrakt - Konstruktiv
    9. Abstrakt - Dekorativ
    10. Abstrakt - Malerisch
    11. Expressiv
    12. Manier der zeitgenössischen Zeichnung und Druckgrafik

    Ich möchte im Folgenden zeigen, wie simpel, eindimensional und langweilig all diese (mittlerweile von unzähligen einzelnen Künstlern immer wieder aufs Neue durchexerzierten) Stile und Moden sind.

    Wie wunderbar, vielschichtig und differenziert ist dagegen auch noch die einfachste Studie eines jeden der kleineren und großen Meister der vergangenen Jahrhunderte!

    1. Materialbild

    "Das nicht zum Bild Gewordene ..." 1998, Hartfaserplatte, 69 x 59 cm (Reststifte, abgespitztes Material, Pigment, Kreide-Umhüllungen, geklebt u. fixiert)

    2. Collage

    "Ohne Titel" - 1998 - Karton, 54 x 44 cm (Arbeitsunterlage, Reste von Velourpapier und Skizzenpapier, Schnellskizze nach Michelangelo)

    3. Materialcollage

    In diesem Fall habe ich die strenge Vorgabe ein wenig durchbrochen (der unbezähmbare Spieltrieb kurz nach der Rückkehr vom Griechenlandurlaub mag mich entschuldigen).

    "Erinnerung an Santorini" - 1998 Karton, 69 x 58 cm (Arbeitsunterlage, Goldstift, Wellpappe, Gummi, Schnur; und aus Griechenland: Plastik- und Papiertüte, Rosenblätter, Fotos und mißglückte alte Rötelskizze)

    4. Objekte

    So sehen meine Vorrichtungen zum Anspitzen von Stiften und Kreiden aus (selbstentwickeltes Patent).

    "Giebeliges" ... seit 1994 - Beim Gebrauch: constantly changing (Holz, Schmirgelpapier, Pigment, Unterlage Plastik oder Pappe) 

    5. Objektkästen

    Mein Malmaterial - Pastellkreiden - im Zustand des Gebrauchs, geordnet nach

    Farben: "Die warmen Farbtöne" (von Gelb über Rot bis Braun und Grau) seit 1993, 37 x 45 cm

    Paletten: "Die Palette des Zen-Stillebens" - 1998, 17 x 24 cm

    Das Material Pastellkreide - aufbewahrt in alten Holzkästen - ist ein ästhetisches Vergnügen an sich!

     

    6. Installation

    "Was beim Aufbau dieser Ausstellung so alles abgefallen ist ... - Work in progress!" - 1998

    (Hommage an die Kunsthalle Nürnberg & Jason Rhoades)

    Fotografiert im Zustand der Entstehung am 28.9.1998 -

     

    Gebrauchte Mallappen, Papier- und Kartonabfälle, Plastikplanen und Holzstücke, Entwurfzeichnungen, Spraydosen usw.

    (Auch hier eine kleine Erweiterung der Vorgabe - hätte ich nur abgefallenes Malmaterial verwendet, wäre die Sache zu ästhetisch geworden.)

    7. Minimal-Art

    "Das Quadrat" - Hommage an Malewitsch - 1997/98 Karton, 28 x 20 cm

    Teil eines ehemaligen Unterlage-Schneidkartons, herausgefallen beim Schneiden eines provisorischen Passepar touts

    "Auf der Spitze stehen" - 1997/98 Karton, 38 x 30 cm Arbeitsunterlage - Schneidkarton

    Die beiden "Werke" sind in genau dieser Form "abgefallen"!

    8. Abstrakt - Konstruktiv

    "Strenge Komposition I" 1995-97, 57 x 46 cm Sperrholzplatte, Karton, Reißnägel, Fixativ, Pigment

    "Strenge Komposition II" 1995-98, 45 x 37 cm Hartfaserplatte, Karton, Reißnägel, Fixativ, Pigment

    So sehen die (selbst hergestellten) Untergründe aus, auf denen ich mein Papier befestige, nachdem ich zahlreiche Pastelle in verschiedenen Formaten und Farbpaletten darauf gemalt habe.

    9. Abstrakt - Dekorativ

    "3 Farbstudien im Sinne von ..." - 1995 Pastellkreide auf Velour, 24 x 10,5 bzw. 24 x 10 cm

    "Spitzweg 1" "Blechen 7" "Spitzweg 2"

     

    Entstanden sind diese Skizzen spielerisch-spontan nach der Rückkehr von einem Museumsbesuch.

    Ich versuchte dabei, aus dem Gedächtnis die Farbpaletten einiger Gemälde festzuhalten, die mich begeistert hatten.

    Die Zahlen im Bild bezeichnen die verwendeten Kreideabtönungen.

    Ich mußte lediglich die Oberflächen reinigen - jahrelang lagen diese abstrakten Kleinode unbeachtet und schlecht behandelt im wüsten Haufen meiner Abfall-Papiere.

     

    10. Abstrakt - Malerisch

    "Farben der Erde I" - 1997 "Farben der Erde II" - 1997

    - Hommage an Willi Baumeister - 2 Hälften eines Probierpapieres, Velour/Pastell, 13 x 9,5 cm

    "Kosmisches" - 1997 Velour/Pastell, 8,5 x 11 cm Probierpapier - gereinigt 1998

    "Probierpapiere" wie auf der vorhergehenden Seite abgebildet sind abfallende Abschnitte von den Velourpapier-Bögen, die ich als Malgrund verwende. Ich gebrauche sie zunächst, um vor Beginn eines Gemäldes die Farbpalette zu testen, zum anderen während des Malprozesses, um den genauen Farbton der Kreiden zu identifizieren (oft liegen z.B. Töne so nahe beieinander, daß man sie als Kreidestücke kaum unterscheiden kann). Auf diese Weise sind die drei kleinen Werke zufällig entstanden - gewählt habe ich lediglich Bildausschnitt und Titel.

    Die Ausstellung enthält noch einige weitere Beispiele zu den Punkten 9 und 10 (deren Grenzen fließend sind). Warum? Weil es einfach Spaß macht, so nebenher (neben der wirklichen Anstrengung und Mühe) mit Papierresten und Farben herumzuspielen.

    Ich glaube, es war Paul Klee, der gesagt hat: "Ab heute wird nichts mehr weggeworfen!" In diesem Sinne kann man jeden Tag -zig "Kunstwerke" schaffen. Die Frage ist nur: Wohin damit? Ins Museum? Verkaufen? Und wenn das nicht klappt?

     

    "Phantasy I" - 1998 "Phantasy II" - 1998

    Pastell auf Velour, 2 Farbspielereien, 9 x 9 cm

    "Ich denke oft daran..."-1997, Pastell auf Velour, 8,7 x 21,5 cm

    (Probierpapier beim Malen der "Schattenvögel")

    11. Expressiv

    Ein Reduzieren des Motivs auf wenige charakteristische Linien (was die Zeichnung betrifft) und auf ein Betonen des Hell-Dunkel-Kontrastes (was die Malerei angeht) wirkt immer sehr gekonnt und virtuos - auch wenn (wie das wohl häufig der Fall ist) der Maler zu einer genaueren Ausarbeitung des Motives ohne Verlust an Lebendigkeit und Ausdruckskraft gar nicht fähig wäre.

     

    "Krug mit Äpfeln vor grünem Vorhang" - 1995, überarbeitet 1998 Pastell auf Velour, 63 x 49 cm

    Dieses Motiv aus dem Jahr 1995 wurde nie vollendet. Stehengeblieben im Stadium der 1. Schicht (Untermalung), beim Pflanzengießen des öfteren mit gewässert, erschien es mir doch zu schade zum Wegwerfen. Ein "anständiges" Bild konnte daraus nicht mehr werden. Als Grundlage für eine grobe Überarbeitung (die nach der Phantasie stattfinden mußte) reichte es allemal.

    Diese Aufbereitung hat gerade ein paar Stunden gekostet. Hätte ich das Bild in der Technik, die ich normalerweise benütze zu Ende geführt, so hätte das etwa drei Wochen (volle Arbeitstage) gedauert.

    12. Manier der zeitgenössischen Zeichnung und Druckgrafik

    Geeignet, diesen Gesichtspunkt zu illustrieren, ist jedes einigermaßen geglückte Skizzenblatt, am besten mit einem interessant eingefärbten und/oder strukturierten Untergrund versehen (Verfließungen, Farbverläufe oder Farbzersetzungen, Ölgrundierung, gewischte Hintergründe usw.). Ein paar genauer ausgeführte Details hier - ein paar ins Ungefähre verlaufende Striche und Wischer da (natürlich in Mischtechnik) - Andeuten und Weglassen zum alleinigen Prinzip erhoben. Das sieht sehr erwachsen, genial und gekonnt aus - vor allem aber zeitgemäß und modern.

    Studie nach Rosso Fiorentino, Ausschnitt - 1998
    Mischtechnik, 15 x 28 cm

    Welche der bekannten Namen sich in diese Rubrik einordnen lassen, stelle ich dem Spürsinn des Betrachters anheim.

    … Zum Ausklang dieses Teils der Betrachtung noch einmal eine Spielerei mit dem Wort "Abfall".

    Je größer der Künstler, desto weniger Abfall.

    Jeder, der selbst einmal einen Stift, einen Pinsel, eine Feder in den Händen gehalten hat, wird verstehen, was ich meine: Je eher die Hand ruhig und sicher die Form, die Farbe trifft, auf die der Geist zielt, desto weniger Skizzenblätter, abgespitzte Stifte, Farbmaterial usw. wird verbraucht, bis ein Bild entstanden ist.

    Und da - gegen den Punkt der vollendeten Meisterschaft hin - schließt sich der Kreis zwischen westlicher und östlicher Kunst, insbesondere zur japanischen Zen-Malerei. Auch dort wird der Meister daran erkannt, daß er - aus absoluter Sammlung und Versenkung heraus - sicher und ohne Korrekturen die vollendete Zeichnung schafft.
    Hier treffen wir mitten hinein in das große, verheerende Mißverständnis bei zeitgenössischen Kunstschaffenden wie Kunstbetrachtern. Sätze wie die des Joseph Beuys: "Jeder ist ein Künstler. Alles ist Kunst." enthalten eine tiefe Wahrheit - und sind doch gleichzeitig absolut falsch.
    Was soll das heißen? Das heißt, daß wir uns hier auf dem Gebiet der Paradoxa bewegen, in der Welt des "entweder und oder", in der Gleichzeitigkeit von "ja und nein", in der Welt jenseits des Verstandes und darüber hinaus.
    Auf dieser Ebene nähern wir uns dem Urgrund des Lebens, dort werden wir eins mit dem Rätsel, dem Wunder der Existenz. Und weil diese Ebene dem kausalen Denken des rationalen Verstandes nicht zugänglich, im Wortsinne nicht "begreiflich" ist - waren es von jeher und in allen Völkern der Menschheit neben dem Mythos und der Religion die Künste, die dafür Zeichen und Bilder fanden.  
     

    Ursula Rössner - "Einsame Kapelle"-1998 - Pastell, 17 x 20 cm

    Und wie erkennt man nun die wahre Kunst? Nie wurden anschaulichere Worte dafür gefunden als im Zen-Buddhismus. Lauschen wir dem folgenden Koan:

    "Am Anfang sind die Berge Berge und die Bäume Bäume.

    Bist Du auf dem Weg, sind die Berge keine Berge und die Bäume keine Bäume mehr.

    Im Zustand der Erleuchtung sind die Berge wieder Berge und die Bäume wieder Bäume."

    Was also ist der Unterschied zwischen Kunst und Abfall? Der Unterschied zwischen Abfall und Kunst ist der Unterschied zwischen dem Berg des Anfangs und dem Berg des Endes.

    Epilog

    Was geblieben ist an Anerkennung für eine altmeisterliche Malerei, das ist die Bewunderung der handwerklichen Technik. Der Ausruf: "Das sieht ja aus wie fotografiert!" wird von vielen als höchstes Kompliment gedacht - und geht doch vollkommen an der Sache vorbei. Ein wahres Bild ist immer mehr als die fotografische Fixierung einer augenblicklichen Erscheinungsform. Es ist die Station eines Weges, und wenn’s gut ist, hat ein Mensch nicht nur sein Ego und seine Neurosen, sondern sein Herz und seine Seele hineingelegt.

    Max Liebermann - der mit größerem Recht als ich über die Malerei sprechen darf - schreibt am Ende eines langen Künstlerlebens an einen Freund: "Ich bin alt geworden, und mich beschäftigt bei meiner Kunst immer nur Eines: das Göttliche. Mir ist das ganze Gezänk so gleichgültig geworden. Das Treiben der Menschen - was geht mich das noch an? Die Liebe ist alles in der Kunst. Ohne Liebe kann man nichts malen. Man kann keinen Grashalm malen, wenn man ihn nicht liebt."

    Wenn also einer - um die bis heute ungebrochene Verehrung eines Dürer, Vermeer oder daVinci zu erklären - sagt, sie seien eben "gute Techniker" gewesen, so hat er nichts begriffen. (Obwohl - umgekehrt betrachtet - in unserem Jahrhundert so bewunderte Maler wie die beiden Surrealisten Dali und Magritte nicht einmal technisch viel zu bieten haben.)

    Technik kann man lernen. Die eine Hälfte ist das Studium des Handwerks, die andere Hälfte ist Durchhaltevermögen, Ausdauer, Fleiß, Übung und Erfahrung. Das alles ist nichts weiter als die Grundvoraussetzung, das Medium, mit dem man arbeitet. Die "Große Kunst" beginnt da, wo der Ausdruck in den Vordergrund tritt. Der Ausdruck wovon? Ich bin - Gott sei Dank - kein Kunstwissenschaftler, der mit den Kategorien des Verstandes definieren und begründen muß. Ich bin direkt betroffen, und ich spreche aus dem eigenen Erleben und Tun.

    Große Kunst - und im speziellen Sinn meisterliche Zeichnung und Malerei - ist da, wo es gelingt, das Lebendige in der "geronnenen Form" festzuhalten, ohne ihm den Atem zu nehmen. "Der ewige Augenblick!" Jedes große Bild ist eine immer neue Darstellung dieses ewigen Augenblicks, eine Darstellung des Unvergänglichen in den Formen der Endlichkeit, in dem Wandel unterworfenen Formen.

    Das kann jeder Mensch empfinden, nicht nur der "Fachmann". Deswegen sind bestimmte Bilder in den Museen "groß". Sie sind weltbekannt nicht nur, weil das breite Publikum eine autoritätsgläubige Herde ist, sondern weil wirklich etwas in dem Bild liegt, aus dem Bild herausschaut, was jeder Betrachter, der sich einmal ein paar Minuten Zeit nimmt, empfangen kann. Diese Bilder sind das Gegenteil von "Des Kaisers neuen Kleidern". Dort ist es hinter der lauten Fassade nackt, leer und tot. Die "Große Kunst" dagegen ist ein volles, ein überquellendes Gefäß, das auch noch so häufige, noch so intensive Betrachtung nicht ausschöpfen kann.

    Ein Nachtrag aus aktuellem Anlaß...

    Als dieses Manuskript fast vollendet war, da begab es sich anno Domini 1998 in der ehemals Freien und Reichsstadt zu Nürnberg, daß in einem der Städtischen Musentempel eine Ausstellung eröffnet wurde. Verursacher der dort gezeigten Schöpfung mit dem bedeutsam klingenden Namen "The Purple Penis and the Venus (Installed in the Seven Stomachs of Nürnberg) As Part of The Creation Myth" ist der Kalifornier Jason Rhoades.

    An dieser Installation (sowie an einer bereits im Monat davor als "Surprise IV" präsentierten leeren Kiste - Titel: "New York Security Mini Storage Projekt" von Andrea Knobloch) entzündete sich eine heftige Diskussion über das "Quo vadis?" der zeitgenössischen Kunst - ausgelöst durch einen Leserbrief des Malers Oskar Koller an die "Nürnberger Nachrichten". (Die vorhergehende Ausstellungskritik der NN war übrigens vom Ton her eher skeptisch bis süffisant gewesen.) Das Echo in Form von weiteren Leserbriefen war ungewöhnlich stark und heftig. Als Tenor konnte man feststellen: Selbst Befürworter moderner und avantgardistischer Tendenzen fühlten sich hier irgendwie verladen. Mittlerweile hat die Kontroverse Wellen geschlagen, die bis nach Hamburg zur führenden Kunstzeitschrift "Art" gedrungen sind. Im Septemberheft 98 wird in der Rubrik pro/contra Stellung genommen zur Nürnberger Rhoades-Präsentation (pro: Silke Müller, Art-Redakteurin, contra: Klaus Honnef, Direktor am Rhein. Landesmuseum, Bonn). Die Kunstprovinz Nürnberg in einer Titel-Story der Fachpresse: Man wird allerdings den Verdacht nicht los, daß da jemand Anleihen beim Show-Business macht. (Oder: Ist es eben das, worum es geht - Show-Business und nichts weiter?) Auch eine Negativ-Schlagzeile ist eine gute Werbung - Hauptsache, man kommt ins Gespräch!

    Die Dokumentation des Vorganges habe ich meiner Installation "Was beim Gestalten dieser Ausstellung so alles abgefallen ist... usw." angegliedert. Stand dieses Manuskriptes ist der 6.9.98 - dann mußte es leider in den Druck.

    In der Ausstellung selbst wird die Angelegenheit (siehe "Work in progress!") natürlich weiterverfolgt.

    ...und eine letzte Bemerkung in eigener Sache:

    Der erste Vorwurf, den man zu hören bekommt, wenn man eine Position wie die meine vertritt, ist der der Intoleranz.

    Um diesem Mißverständnis entgegenzutreten, möchte ich betonen, daß jeder Mann und jede Frau tun soll, was ihnen Spaß macht oder was sie glauben, tun zu müssen.

    Worum es mir geht bei meinem Beitrag - und das habe ich versucht von verschiedenen Seiten her einzukreisen - das ist der Mißbrauch der Begriffe "Kunst" und "Künstler".

    Mit Kraft und Bedeutung aufgeladen von den großen Künstlerpersönlichkeiten der vergangenen Jahrhunderte lösen diese Begriffe in jedem Menschen weiterhin (und sei es ihm selbst auch unbewußt) Achtung und Ehrfurcht aus. Mit diesen "fremden Federn" nun schmücken sich gewisse Zeitgenossen ohne Skrupel einfach zu Unrecht!

    Wenn ich einen daVinci, Dürer, Rembrandt, Michelangelo und Vermeer als Künstler bezeichne - dann muß ich für einen Jason Rhoades einen anderen Namen finden. ("Rechter Schelm", wie Herr Honnef in Art 9/98 schreibt, klingt da noch sehr freundlich.)

    Es ist jedenfalls tröstlich, daran zu denken, daß unser aller Meister, die vergehende Zeit, weder einem unbedeutenden Machwerk Bedeutung verleihen - noch einem wahren Kunstwerk seine Kraft nehmen wird.

     

    "Ars longa, vita breve!"

    Ursula Rössner – "Blüten / Felsenbirne"
    1997, Pastell, 2
    2 x 18 cm

    Ausgehend von dieser Ausstellung wird ein Film zum Thema gedreht
    mit freundlicher Unterstützung der Firma Lamprecht AV-Produktionen, Nürnberg.